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Auf den ersten Blick scheint diese Verhältnisbestimmung auszudrücken, dass Praxis und Theorie gleichwertig sind. Doch wenn Engelke formuliert, dass das einzige „Kriterium für die Anerkennung von Theorien […] [ist], ob sie brauchbar sind und den von den Mächtigsten der Gesellschaft gesetzten Zielen dienen“ (Engelke, 1992, S. 74), meint er nicht die Gleichwertigkeit von Theorie und Praxis, sondern beschreibt damit, was passiert, wenn Praxis und Theorie gleichermassen von ‚den Mächtigsten’ bestimmt werden und nicht mehr in eigenen, unabhängigen Institutionen entwickelt und reflektiert werden.

Auf diese Weise betrachtet, sind Theorie und Praxis gleichrangige Aspekte einer Realität. Engelke beschreibt sie als zwei Seiten einer Medaille. Theorie und Praxis können einander nicht qualitativ oder zeitlich vorgezogen werden (Engelke, 1992, S. 74). Erst „das Bestimmen und Offenlegen der Erwartungen an das Verhältnis von Theorie und Praxis verringert die Gefahr des gezielten oder auch unbewussten Missbrauchs von Theorie für die Praxis […] oder umgekehrt […]“ (ebd., S. 75).

Nach diesem Verständnis haben sich Theorien ausschliesslich an ihrer Übertragbarkeit auf die Praxis zu messen. Die Praxis gibt vor, womit sich die Theorie zu beschäftigen hat. Die Theorie gibt selbst keine eigenen Werte vor und reflektiert Inhalte nicht unabhängig von den Handlungsrationalitäten der Praxis (Engelke, 1992, S. 73; Engelke, Spatscheck & Borrmann, 2009b, S. 222). Diese Haltung ist in Institutionen der Praxis teilweise verbreitet. Sie verkörpert bis zu einem gewissen Mass das, was auch als Theoriefeindlichkeit (etwas abgeschwächter: Theorieskepsis) bezeichnet werden kann.

Theorie hat Vorrang vor der Praxis’ bedeutet, „die Wissenschaft ist normativ und setzt die Werte und will dann auch die Aufgaben und Ziele für die Praxis bestimmen“ (Engelke, 1992, S. 73).